Magazin: Fotogalerie Sowjetische Klassiker


von Klaus Schameitat

(Januar 2008)

zum Vergrößern bitte klicken zum Vergrößern bitte klicken Der ÖPNV in der einstigen Sowjetunion war über die Jahrzehnte von technischem Rückstand und unattraktivem Erscheinungsbild geprägt. Im Vordergrund stand stets allzu offensichtlich der kostengünstige Massentransport in den Städten, die Beförderung der Werktätigen zu Fabriken und Kolchosen sowie auch eine gewisse Grundversorgung im ländlichen Raum. Allerlei skurrile Vehikel in den abenteuerlichsten Farbkombinationen waren zu diesem Zweck tagtäglich im Einsatz unter oft schwierigen Bedingungen: überfüllt, auf holprigen Straßen, unter rauen Klimabedingungen. Unterwegs durch Schnee und Schlamm, aber auch in Wüstenhitze oder über zugefrorene Gewässer. Robust, wenngleich technisch völlig veraltet, mit vielfacher Improvisation betriebsbereit gehalten (Ersatzteilmangel!), waren sowjetische Busse unentbehrliche Beförderungsmittel in einem Staat mit geringem Individualverkehr.

zum Vergrößern bitte klicken Komfort oder gar technische Raffinessen wurden bei Fahrzeugen, die zum Teil sogar auf der Grundlage von LKW-Chassis konstruiert waren, wohl auch gar nicht erwartet. Allein das Vorwärtskommen, vielerorts im wahrsten Sinne des Wortes die Verbindung zur Außenwelt, stand in Sibirien und Fernost, in den Wüsten Zentralasiens, in den Steppen Kasachstans, im Kaukasus wie am Eismeer, in den Wäldern Kareliens und des Baltikums ebenso wie in den Weiten der Mongolei im Vordergrund. Dass solche spartanischen Allzweckfahrzeuge weder benutzerfreundlich noch gar behindertengerecht waren, versteht sich dabei fast von selbst. Hohe Einstiege und Dreh- statt automatischer Falttüren waren eher die Regel als die Ausnahme. Allen Modellen gemeinsam war ein nicht gerade formschönes, bestenfalls erträgliches Design, mal mit Haubenmotor, mal eckig wie ein Kleiderschrank. Ihre phantasielosen Namen bestanden in der Regel nur aus den Abkürzungen der Produktionsstätten (z.B. LAZ für Automobilfabrik Lvov, PAZ für Pavlovo, etc.). Der Benzindurst (nicht Diesel!) und die schwere Manövrierbarkeit mancher Typen waren geradezu berüchtigt.

zum Vergrößern bitte klicken zum Vergrößern bitte klicken Im Gegenzug konnte man sich als Sowjetbürger über hochsubventionierte und damit lachhaft niedrige Fahrpreise freuen. Tausende dieser „hochbeinigen“ Ungetüme haben das Ende der Sowjetunion inzwischen schon recht lange überlebt. Heutzutage versehen sie in den ärmeren Nachfolgestaaten der Sowjetunion immer noch ihre Dienste, bezeichnenderweise nun aber mit Gastanks auf dem Dach (z.B. in der Ukraine). Und die Einheimischen klagen unter den Bedingungen der Marktwirtschaft jetzt allerorten über drastisch gestiegene Fahrpreise (die freilich im Vergleich zu unseren immer noch extrem niedrig sind) sowie über stark ausgedünnte Verbindungen. In den drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen, die inzwischen zur EU gehören, wurden die Sowjetbusse etwa seit der Jahrtausendwende systematisch aus dem Verkehr gezogen. Im Linienverkehr spielen sie praktisch keine Rolle mehr. Einzelnen Exemplaren begegnet man aber immer noch, meist tief in der Provinz, mehr und mehr auch als restaurierte Oldtimer.


Kolchosenbusse - Kuban und KAvZ


Kolchosenbusse - PAZ


Regionalbusse - LAZ


Stadt- und Obusse

Neben den beschriebenen „Kolchosenbussen“ gab es in vielen Städten der Sowjetunion natürlich auch typische Stadtlinienbusse. Aus einheimischer Produktion stammte das Fabrikat LiAZ (Autofabrik Likino). Seit etwa Mitte der 1960er Jahre wurden zusätzlich ungarische Ikarus-Busse in riesigen Stückzahlen importiert und vor allem in den Großstädten eingesetzt. Damit gelangten wohl auch die ersten Serien von Gelenkbussen in die Fuhrparks. Besondere Bauarten, wie z.B. Doppeldecker oder Anderthalbdecker, hat es nie gegeben.

Ein ganz eigenes Kapitel stellt der Obusverkehr in der Sowjetunion dar. Zurzeit existieren auf dem Gebiet der GUS-Staaten (also ehemalige UdSSR ohne Baltikum) fast 120 Obusbetriebe. Das ist mehr als ein Drittel aller auf der Welt bekannten Anlagen. Elektrische Verkehrsmittel, ob Straßenbahn oder Obus, genossen Priorität. Umweltfreundlichkeit war dabei sicher nicht das Hauptargument (die Kraftwerke bezeugten eher das Gegenteil!), sondern der latente Kraftstoffmangel. Zur Ausstattung beider Sparten reichten die sowjetischen Produktionskapazitäten im Fahrzeugbau nicht annähernd aus. So wurden mehr und mehr tschechische Tatra-Straßenbahnen importiert. Bei den Obussen gelang nach einigen Vorläufern die Konstruktion eines später sehr verbreiteten und kostengünstigen Einheitstyps, genannt ZIU-9 oder korrekter ZIU-682 (nach dem Werk in Uritskij): Seit 1971 wurden davon weit über 40.000 Stück hergestellt. Das ist Weltrekord! Außerhalb der Sowjetunion kamen große ZIU-Serien u.a. in Belgrad und Budapest zum Einsatz. Eine beachtliche Zahl konnte sogar nach Athen (also in den sogenannten Westen) verkauft werden. Eine Gelenkversion mit der Bezeichnung ZIU-10 bzw. ZIU-683 gibt es ebenfalls, z.B. in Moskau und Sankt Petersburg. Dennoch konnte der Bedarf offenbar nie vollständig gedeckt werden, so dass alle Obusbetriebe im Baltikum schließlich nur noch Skoda-Obusse aus der Tschechoslowakei erhielten. Das gilt auch für manche Städte auf dem Gebiet der heutigen Ukraine, Weißrusslands sowie im Kaukasus.



Aktuelle Tendenzen

Dieser Bericht widmete sich in erster Linie der typischen Fahrzeugpalette der 1970er und 1980er Jahre sowie ihrer Weiterverwendung bis in die Gegenwart hinein. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind in den einzelnen Nachfolgestaaten unterschiedliche Tendenzen zu beobachten. Ganz allgemein wurden die Wagenparks durch allerlei Gebrauchtfahrzeuge bunter. Das gilt für Diesel- wie für Obusse gleichermaßen. Insbesondere bei den letzteren ist eine „West-Ost-Wanderung“ älterer Modelle feststellbar, z.B. allgemein von Tschechien in die Ukraine, aber auch von Athen nach Belgrad, sogar von Portugal nach Kasachstan.


Alle gezeigten Fotos wurden von Klaus Schameitat im Zeitraum zwischen 1997 und 2007 aufgenommen. Eine Weiterverwendung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung.


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